Brief an meine Hebamme >> Kinder achtsam ins Leben begleiten

Liebe Hebamme,

ich weiß, es ist nicht deine Schuld, dass ich bei meiner letzten Geburt über 20 Stunden allein im Kreißsaal lag, ängstlich und hilflos weil ich das Gefühl hatte, das allein nicht zu schaffen. Ich hätte mir dich mit deinen helfenden Händen und deiner beruhigenden Stimme an meiner Seite gewünscht. Ich hätte deine Unterstützung gebraucht, tröstende und Mut machende Worte, deine Erfahrung und Fachwissen.
Damals war ich wütend. Wütend, dass du mich allein gelassen hast. Wütend auf die Geburts-Klinik, die nicht mehr Hebammen gleichzeitig einstellt. Wütend, weil die Bedingungen unter denen du arbeiten musst zu diesem Schlamassel geführt haben.

Heute bin ich nicht mehr wütend. Aber ich bin traurig, dass sich nichts an der Situation geändert hat. An deiner Situation. Noch immer musst du deinen so wichtigen Beruf unter schlechten Bedingungen ausüben. Du wirst schlecht bezahlt, Haftpflichtprämien steigen stetig an und noch dazu bekommst du den Ärger der Frauen zu spüren, die sich schlecht betreut fühlen. Immer mehr Kreißsäle schließen und ihr Hebammen werdet gezwungen, euch nach neuen Perspektiven umsehen. Das ist ungerecht! Es macht mich traurig, dass du darüber nachdenken musst deine Berufung und Leidenschaft vielleicht aufgeben zu müssen, weil du sonst kaum etwas zum Leben hast. Dabei ist deine Arbeit wichtig und Jahrhunderte lange Tradition. Ja, sie gibt uns Frauen Kraft in dem Moment in dem wir uns am verletzlichsten fühlen.

Ich wünsche mir eine achtsame Betreuung von Beginn der Schwangerschaft bis zum Ende des Wochenbetts. Eine Betreuung, bei der du auf meine Wünsche eingehst, weil du dir Zeit nehmen kannst. Eine Betreuung durch deine erfahrenen Hände. Unter fairen Bedingungen. Denn ich weiß, wie wichtig deine Unterstützung für die Gesundheit meiner Familie ist. Ich wünsche mir, dass deine berufliche Zukunft gesichert ist und dass andere junge Frauen dazu ermutigt werden, sich weiterhin in diesem Beruf ausbilden zu lassen. Dass eure Erfahrungen weiterhin von Generation zu Generation weitergegeben werden können und wir Frauen uns nicht mehr so allein fühlen. Ich wünsche mir, dass die Geburtshilfe eine Chance ist und nicht die letzte Wahl wenn es darum geht, sich für einen Beruf zu entscheiden.

Heute ist Welthebammentag und ich möchte dir danke sagen. Denn was ich damals unter meiner Wut nicht verstanden habe ist, dass du alle Hände voll zu tun hattest. Dass dir eine 1:1 Betreuung einfach nicht möglich war, auch wenn du das besser gefunden hättest. Dass du von Kreißsaal zu Kreißsaal geflitzt bist und in dieser Nacht sieben Kindern geholfen hast, gesund das Licht der Welt zu erblicken. Dass du nebenbei auf deine wohl verdiente Pause verzichtet hast, weil einfach keine Zeit dafür war. Dass du am Ende deiner Schicht extra länger geblieben bist, weil unser kleiner Samuel gerade geboren wurde und du nicht von meiner Seite weichen wolltest. Dass du mein Kind geschützt in diese Welt hast gleiten lassen. Dass du eigentlich die ganze Zeit da warst, obwohl vielleicht nicht im selben Raum, aber jederzeit verfügbar. Danke, von Herzen!

Alles Liebe,
deine Jasmin

Kreißsäle und Geburtshäuser schließen, die Kaiserschnittrate steigt weiter an, Beleghebammen quittieren ihren Dienst. Das ist erschreckend und macht mich wütend, traurig. Lässt mich den Kopf schütteln.

Heute ist Welthebammentag. In Düsseldorf  findet  eine Demonstration statt für bessere Arbeitsbedingungen der Hebammen. Geht hin! Setzt ein Zeichen! Unterschreibt Petitionen. Ganz egal, aber tut etwas dafür, dass wir Frauen auch zukünftig in Sicherheit gebären können.

Mehr könnt ihr auf der Seite des Hebammenverbandes lesen.


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