Mein Kind schläft nicht durch >> Über eine Begegnung auf dem Spielplatz

Ich sitze auf dem Spielplatz. Nein, genau genommen sitze ich auf der Bank am Rand des Spielplatzes und beobachte das bunte Treiben. Gerade spielt mein Sohn, 1,5 Jahre, friedlich im Sand und ich kann ein wenig aufatmen. Ich habe eine Sonnenbrille auf, dabei scheint heute die Sonne gar nicht. Aber mein Concealer hat heute schlichtweg versagt – nur mit den getönten Gläsern schaffte ich es, meine Augenringe zu kaschieren bevor ich das Haus mit Kind und Kegel verließ. An diesen Tagen ist das nämlich meine einzige Rettung; mit Samuel nach draußen zu gehen und ihn müde zu spielen, damit wenigstens am Abend Ruhe einkehren kann.
Ich sitze also da, auf der Bank, und beobachte das Treiben. Da kommt eine andere Mama auf mich zu. “Süß, dein Kleiner!” Und während wir uns im Smalltalk üben, stellt sie irgendwann die Frage der Fragen. Und? Schläft er schon durch?
Ich bemerke, wie ich mich sofort aufrechter hinsetze, nervös von einer Pobacke auf die andere wippe. Welche Antwort ist nun die richtige? Soll ich einfach so tun, als ob Samuel brav die ganze Nacht schläft und damit entweder

a) Frust sähen – vielleicht sogar eine Diskussion starten, bei der mir die andere Mama ihr Leid klagt, dass ihr Kind sie drei mal nachts weckt
oder
b) Anerkennung ernten, die mir gar nicht zusteht?

Die Wahrheit ist nämlich: mein Kind schläft nicht durch. Seit eineinhalb Jahren hat Samuel nicht durchgeschlafen – und ich ebenso wenig. Tja, das ist leider die Tatsache und ich bin es leid, meine Augenringe verstecken zu müssen. Ich bin es leid, immer perfekt sein zu müssen – Haushalt, Kind und Kegel zu wuppen – und dabei nicht vor Müdigkeit an der Ampel stehend, den Kinderwagen im ewig gleichen Takt wippend, einzuschlafen.
Ich mag mich gar nicht beschweren, denn so schlimm ist es gar nicht, müde zu sein. An den Zustand Mombie (Mom und Zombie) habe ich mich mittlerweile gewöhnt, ebenso wie an mein müdes Spiegelbild. Aber dieses ewige Erklären, warum denn mein Sohn nicht durchschläft – das nervt. Und das mithalten Wollen. Mithalten mit den anderen Mamas, die so viel mehr schaffen als ich. Bei denen nicht mittags noch die Krümel vom Frühstück zu finden sind, der Dutt schon um sieben Uhr gewollt undone ist statt out-of-bed und die sich zwischen Kaffee und Kuchen auch noch zum Sport und für zwei Babykurse verabreden. Ne, das mag ich nicht. Das ist mir alles zu blöd geworden. Und trotzdem ist da dieses leise Gefühl von Versagen – weil ich all das nicht einfach nebenbei schaffe.

Ich sehe also die andere Mama an, wie sie lächelnd vor mir steht. Die Frage hängt ausgesprochen zwischen uns im Raum. Ich hole tief Luft und sage “Nein, Samuel schläft nicht durch. Aber das ist in Ordnung. Irgendwann wird er soweit sein.” Und was dann passiert, ist echt verrückt. Also zumindest finde ich es verrückt. Sie guckt kurz irritiert, blickt um sich und setzt sich dann neben mich. “Echt? Meine Frieda nämlich auch nicht.” Es scheint, als würde sie das zum ersten Mal zugeben. “Aber alle Kinder meiner Freundinnen schlafen schon durch und Frieda ist die Älteste! Das erleichtert mich, dass ich nicht die Einzige mit einem Schlafverweigerer bin!”

Ich lächle, hat mir meine Aufrichtigkeit doch tatsächlich ein sanftes Lächeln statt Mitleid gebracht. Wir sitzen am Ende des Tages doch alle im selben Boot, oder?

Kurz überlege ich dann, ob ich ihr von meinem Gedanken erzählen soll. Dem Gedanken, dass ihr Freundinnen bestimmt alle  immer nur erzählen, dass das Kind durchschläft – so wie sie das selbst wahrscheinlich noch bis vor zwei Minuten getan hätte, wäre ich nicht ehrlich gewesen. Aber dann komme ich zu dem Punkt, an dem ich denke, dass sie das selbst irgendwann herausfinden wird. Und dann wird die junge Frau so sein wie ich, mit Sonnenbrille auf dem Spielplatz sitzen, weil der Concealer heute nicht hält, was er verspricht und überlegen, was sie nun auf die Frage der Mama die ihr gegenüber steht antworten soll.

Tja, wir alle sitzen im gleichen Boot. Wir sind alle Mamas und mal mehr, mal weniger müde. Mal mehr, mal weniger erschöpft und: mal mehr, mal weniger ehrlich; zu uns und zu Anderen. Ich kann diesen Druck nicht mehr ertragen, ein scheinbar perfektes Leben mit ausreichend Schlaf, nur einer wirklich ekligen Windel am Tag und einem stetig sauberen Fußboden zu führen. Nein, das sind wir nicht. Wir sind nicht perfekt. Aber ich kann eins: meinem Kind all die Liebe geben, die es braucht, ihm eine gute Einschlafbegleitung sein, auch wenn es mich manchmal in den Wahnsinn treibt, weil es Stunden dauert. Ich bin sicher, mit der nötigen Portion Liebe wird auch unser Minimann irgendwann durchschlafen. Vielleicht ja, wenn das Baby da ist. Solange genießen wir nächtliches Kuscheln in unserem Familienbett und stehen nachts auch fünf mal auf, wenn es sein muss.

Alles Liebe,
Eure Jasmin

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