Die Liebe zwischen Geschwistern ist etwas ganz Besonderes. Für mich spiegelt sie die Seele meiner Kinder wieder, rein und unschuldig. Ja, sie ist kostbar. Manchmal ist die Liebe besonders innig, manchmal eher kratzbürstig, aber stets einzigartig. In der Schwangerschaft mit Mio habe ich mir nahezu täglich Gedanken drüber gemacht, wie unser Großer sein Geschwisterchen wohl annehmen würde. Ich habe gehofft und gebangt, dass alles gut sein würde, aber vor allem gehofft. Ja. Ich habe mir vorgestellt, wie Samuel sein Geschwisterchen liebevoll  im Arm hält, es streichelt, liebkost und kleine feuchte Sabberküsschen verteilt.

Schnulli geben kann er schon!

Ich halte dich!

Wisst ihr, wenn ein Geschwisterkind auf dem Weg ist, beschäftigen einen so viele Dinge. Man macht sich über so viele Kleinigkeiten aber auch Große Sachen Gedanken, evaluiert, wirft alles über Bord, denkt um. Sollen sie sich ein Zimmer teilen? Sollen wir erst Mal dem Baby nicht so viel Beachtung schenken und alles ganz behutsam verändern? Sollen wir das große Kind in alle Entscheidungen mit einbinden? Was ist wenn…? Ja die Wenns und Abers, ohne die wäre es so viel leichter.
Wir haben uns dafür entschieden, Samuel sehr viel einzubinden (mehr lest ihr hier). Er cremte regelmäßig den Bauch ein, wir bauten mit ihm das Zimmer um und sprachen immer wieder darüber, was sich verändern würde. Und irgendwie habe ich gedacht, dass sich das fortsetzt. Irgendwie dachte ich, dass wir einfach ein Team sein würden, ein großes Vierergespann, das alles gemeinsam macht. Ich habe mir ausgemalt, wie wir morgens im Bett kuscheln, wie wir gemeinsam das Baby anziehen und anschließend gemeinsam auf der Couch ein Buch lesen – Familienidylle eben, so richtig rosarot und schön und warm und geborgen. So war es die erste Zeit ja auch. Zuckerwattenweich und rosa, wunderschön. Und ich habe innerlich aufgeatmet. War ja alles ganz einfach, hab’ ich gedacht. Das mag vielleicht etwas blauäugig gewesen sein, aber alles in allem habe ich es mir hier weiterhin sehr harmonisch vorgestellt. 

Erste Annäherung

Ja, die erste Zeit war wirklich fast so wie ich sie mir ausgemalt habe. Schön. Geborgen. Liebevoll. Behutsam streichelte Samuel das kleine Brüderchen Als unser Baby dann eine Weile da war, war alles irgendwie doch ganz anders. Zwar war Samuel wirklich hin und weg von seinem Brüderchen, nahm es in den Arm, streichelte es – aber eben nicht nur. Ja, die ersten Annäherungsversuche waren zaghaft, zärtlich. Ich weiß noch genau, wie behutsam Samuel das erste Mal seinem Brüderchen über das kleine Köpfchen streichelte und wie vorsichtig er das kleine Händchen hielt. Bei Gedanken daran wird mir immer noch ganz warm und ich muss unwillkürlich lächeln. Ich denke, der große Bruder war wahnsinnig stolz, fand alles aufregend und toll.

zaghafte Annäherung

Die Liebe muss erst wachsen…

Aber seit dem hat sich viel verändert. Der Alltag ist eingekehrt und so langsam realisiert Samuel, dass das Baby bleiben wird. Dass es nicht morgen wieder weg geht, auch wenn er diesen Wunsch ab und an äußert. Es zerreißt mir das Herz zu sehen, dass er manchmal sehr verzweifelt ist und sich seinen Bruder weg wünscht. Zum Glück hält dieses Gefühl immer nur kurz an und kurz darauf wird der kleine Bruder wieder gekuschelt. Aber trotzdem. Da ist dieses Gefühl, dass Samuel sich erst noch gewöhnen muss, dass er erst noch lernen muss, seinen Bruder zu lieben. So richtig.

Und wenn ich darüber nachdenke, erscheint es mir völlig absurd, dass wir erwartet haben, dass Samuel sein Geschwisterchen lieben wird. Ich meine, ist es das nicht? Absurd. Da schreit Mama ein paar Mal und dann liegt da ein kleines Menschenkind, das Mamas und Papas Aufmerksamkeit fordert. Das weint und laut ist. Das immer da ist. Das unbekannt ist und neu. Das anders riecht und das man nicht wirklich anfassen kann, weil Mama und Papa Angst haben, dass man zu grob ist. Absurd. Ja, ich habe jetzt so viel mehr Verständnis, sehe, dass die Liebe erst noch wachsen muss.

Manchmal, wenn die beiden für einen Moment nur für sich sind und sich unbeobachtet fühlen, kann ich sehen, wie Samuel wieder ganz zärtlich wird. Wie er sich sorgsam an seinen Bruder herantastet und voller Liebe ist. Dann streichelt er über die rosige Wange oder das zarte Händchen. Aber sobald er mich entdeckt, wird er wild. Dann wird Mio gekitzelt, gehauen, oder er wirft sich auf ihn. Armer Mio. Ich gehe natürlich dazwischen und erkläre Samuel immer wieder mit ganz viel Geduld, dass Mio noch so klein ist und dass er ihm wohl weh tut. Ja, manchmal zerreißt es mich dabei innerlich, weil ich sehe, dass Samuel frustriert ist. Frustriert darüber, dass er weniger Aufmerksamkeit bekommt. Frustriert darüber, Mama und Papa teilen zu müssen. Frustriert darüber, nun nicht mehr allein zu sein. Und gleichzeitig wächst da etwas in ihm. Eine unbändige Liebe, mit der er manchmal gar nicht mehr weiß wo hin. Die aus ihm heraussprudelt. Die ihn lächeln lässt und die ihn nach dem Aufstehen als allererstes nach Mio fragen lässt. Geschwisterliebe eben.

Den kleinen Bruder streicheln

Mein Wunsch

Ich wünsche mir, dass dieser kleine Keim, den wir gesät haben, wächst, dass daraus tiefe Geschwisterliebe wird. Ich wünsche mir, dass Samuel sich langsam in seine Rolle hineinfindet, dafür darf er sich auch gern noch etwas Zeit nehmen und das in seinem Tempo machen. Was Mio angeht, bin ich mir sicher, dass er seinen Bruder sehr gern hat. Das sagt mir schon das freudige Strahlen der beiden grau-braunen Kulleraugen am Morgen, wenn er seinen Bruder erblickt. Dieses Lächeln! Das müsstet ihr sehen, da geht einem wirklich das Herz auf! Und ja, ganz bestimmt ist er auch mal genervt, dass der wilde Bruder ihm schon wieder den Schnuller klaut aber alles in allem denke ich, dass er seinen großen Bruder ganz passabel findet. Da wächst sie, die Liebe. Stetig und fortwährend. Ich hoffe sehr, dass die beiden irgendwann ein ganz tiefes Band verbindet und sie glücklich sind, einander zu haben. Ja, das wünsche ich mir.

Alles Liebe
eure Jasmin