Noch immer gibt es so viele negative Erfahrungen in der Geburtshilfe. Zumindest scheint es so, wenn man sich mit dem Thema intensiver auseinander setzt und Frauen zu ihren persönlichen Geburtserlebnissen befragt. Vor allem im Social Media lese ich immer wieder von schwierigen Geburten, von Frauen, die Traumatisierendes erlebt haben, aber immer schwebt dabei ein Thema wie ein Mahnmal über ihnen: Fremdbestimmung.
Ich denke nicht, dass wir so unseren Nachwuchs zur Welt bringen sollen, Mutter Natur hatte sich das ganz gewiss anders gedacht. 2016 gab es in Deutschland eine Kaiserschnittrate von über 30% – damit ist nahezu jede dritte Geburt davon betroffen. Ich glaube, dass uns Frauen durch diese Tatsache immer mehr der Mut genommen wird, auf sich selbst, auf den eigenen Körper zu vertrauen. Sie vertrauen auf die Meinung der Ärzte, sind um den Geburtstermin herum unruhig und lassen die Geburt künstlich einleiten, schließlich möchten sie auch unter der Geburt Maßnahmen haben, damit es schneller geht, die Schmerzen schneller passé sind. Was wir dabei aber oft vergessen: eine Geburt benötigt Zeit und vor allem Ruhe und eine gewisse Portion Selbstvertrauen in sich und das Baby.
Geburten können auch sehr schön verlaufen, nicht unbedingt schmerzfrei, aber sie bringen uns Frauen zurück an den Ursprung unserer Kraft und sind damit ein überwältigendes Erlebnis. Ich selbst hatte zwei völlig unterschiedliche Geburten, eine traumatisierend, die andere hätte wunderbarer kaum sein können (Bericht hier) und genau da liegt der Punkt: lasst euch keine Angst machen, hört nicht hin, wenn jemand etwas negatives über Geburten zu berichten hat, denn das macht etwas mit euch – wenn auch nur unterbewusst.

Heute möchte ich den Geburtsbericht von Lena mit euch teilen. Sie hat kürzlich ihr zweites Kind geboren und hat eine solche schöne Geburt erlebt, von der ich eben sprach.

Mein Entbindungstermin lag nun schon 3 Tage zurück und eigentlich konnte ich es kaum noch aushalten. Ich wollte endlich mein Mädchen in den Armen halten. Jedes noch so kleine Anzeichen legte ich die letzten Tage auf die Goldwaage. Bereits seit zwei Wochen hatte ich den Befund, Muttermund geöffnet, bald kann es losgehen. Ich lag in der Badewanne, weit nach Mitternacht, als Luis aufwachte. Irgendwie hatte ich den Drang nach einer Entspannung, obwohl es mir soweit gut ging. Raus aus der Badewanne, begleitete ich ihn zurück ins Bett. Plötzlich fühlte ich ein leichtes Ziehen im Unterleib und dachte „..ach das sind bloß Vorwehen…“

Langsam musste ich die vermeintlichen Vorwehen allerdings veratmen. Ich tippte in meiner Wehenapp immer wieder auf Start und dachte, das kann doch nicht sein – alle zwei Minuten Wehen? So schnell? Aber es waren keine Schmerzen, eher ein Druck, den man gut aushalten kann. Also wippte ich durch die Wohnung, kämmte meine noch nassen Haare und packte die letzten Sachen in meine Tasche ohne darüber nachzudenken. Dann war es soweit, ich gab Sebi Bescheid, dass es nun losgeht, dass er nun meine Mama anrufen kann, die sich in der Nacht um Luis kümmern sollte.
Du hattest dich auf den Weg gemacht, bald würdest du endlich bei uns sein. Dass es allerdings so bald sein würde, hätte ich nicht gedacht!

Fertig angezogen, war meine Mama auch schon da. Durch den ganzen ‚Trubel‘ war Luis natürlich wach, was nicht allzu schlimm war. Er spielte und ließ sich von all dem nicht beeindrucken. Als die Wehen dann stärker wurden, spürte er, dass sich nun etwas verändern würde. Er suchte meine Nähe, umarmte mich und kam in meinen Arm. Er gab mir Kraft. Ich war noch relativ entspannt, ich realisierte nicht, dass es nun tatsächlich los ging.

Wir verweilten noch ein wenig in der Küche, tranken einen Tee und Sebi brachte die Taschen schon mal ins Auto. Ich verabschiedete mich von meiner Mama und von Luis. Ein seltsames Gefühl kam in mir hoch. Natürlich freute ich mich unfassbar, dass unser Mädchen endlich zu uns kam, aber ich wusste, nun wird es wahr. Mein Sohn wird eine Schwester bekommen. Ich werde eine Mama von Zweien sein. Wie fühlt sich das wohl an, wie wird er reagieren, wird er sich freuen? All das ging mir in dem Moment der Verabschiedung durch den Kopf. Eine kleine Träne kullerte meine Wange hinunter als ich ihn in den Arm nahm und ganz feste drückte. Er versprach mir, dass er uns nach dem Frühstück besuchen kam und freute sich auf seine Schwester.

10 Minuten später, es war viertel vor Drei, standen wir vor schon vor der Kreißsaaltür. Die Tür öffnete sich und eigentlich freute ich mich. Ich erwartete die Hebamme, die auch bei Luis Geburt dabei war. Sie hatte Schicht. Eigentlich. Sie hatte die Schicht wohl getauscht, nun stand da jemand anderes.  Eine Hebamme, mit der ich eher nicht auf einer Wellenlänge war – sie brachte mich damals zur Welt und auch meine Mama vertrug sich nicht sonderlich gut mit ihr. Kurzer Bammel, aber ich konnte nur das Beste aus der Situation machen.

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Niemand sonst war im Kreißsaal, also konnte ich mich frei bewegen. 30 Minuten CTG und acht Nadelstiche (die gefühlt schmerzhafter waren als die Wehen selbst) später, sie hat leider keine richtige Vene finden können, waren die Wehen wieder stärker. Der Muttermund war nun auf vier Zentimeter. Die Hebamme verließ kurz den Kreißsaalbereich und ich brach erstmal in Tränen aus. „So habe ich mir das nicht vorgestellt, ich will, dass Nina da ist..“ – die andere Hebamme. Naja, jede Geburt verläuft anders und auch nicht immer so wie man es sich wünscht. Sebi sprach mir Mut zu und war für mich da! „Wir schaffen das zusammen. Wir beide!“ Und ich wusste, so wird es sein!

Wir konnten unsere Taschen schnell im Zimmer abstellen, anschließend zur Gynäkologin zum Ultraschall. Das ganze gestaltete sich als eher schwierig, die Wehen waren gefühlt durchgehend und ich tigerte nur laut atmend durch das Zimmer. Die Hebamme kam dazu, ich bat sie schon vorher, eventuell das Wasser im Geburtsbecken einlaufen zu lassen. Als sie mich sah, sagte sie, es sei besser, wenn sie mich noch mal untersuchte und siehe da, der Muttermund war plötzlich auf 9 cm geöffnet. Fünf Zentimeter in nicht ganz vierzig Minuten, ich konnte es nicht glauben!

Ich stieg ins Wasser und spürte solch eine Entspannung. Ich wusste, dass es nicht mehr lange dauern würde und sammelte noch mal alle Kraft, schloss die Augen, hielt Sebis Hände und war in Gedanken nur noch bei ihr. Das Wasser half mir, mich unter den Wehen bewegen zu können. Ich konnte den Druck ein wenig ausgleichen indem ich mein Becken nach oben bewegte. Ich konnte mich wirklich gut entspannen!
Plötzlich wurde der Druck so viel stärker, nach drei Presswehen, um 4:25 Uhr, war unsere Tochter Noa geboren.

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Ich war und bin so unfassbar stolz, dass wir das zusammen gemeistert haben. Sie hat es gemeistert mit meiner Unterstützung. Endlich durfte ich dich in meinen Armen halten, kleine Kämpferin. Wir Frauen dürfen unsere Kraft nicht unterschätzen und auch nicht die Kraft unserer Kinder. Ich habe versucht meinem Instinkt zu folgen, und trotz Krankenhaus, denn eigentlich wünschte ich mir eine Hausgeburt, habe ich geschafft, keine Angst zu haben. Eine Geburt ist etwas so Wundervolles, ein Wunder, welches wir am eigenen Körper spüren dürfen. Natürlich ist ein gewisser Schmerz dabei. Aber ohne Leiden wüssten wir nicht, was Freude ist. Ich habe versucht mich auf meinen Körper zu konzentrieren, auf mein Kind, was all den Schmerz auch fühlt. Wir müssen ganz bei Ihnen sein in diesem Moment, denn Sie machen uns zu dem, was wir sind. Eltern.

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Ich hoffe sehr, dass euch der positive Bericht von Lena Mut macht, denn er zeigt, dass man auch in einer Klinik eine wunderschöne und selbstbestimmte Geburt erleben kann.

Alles Liebe,
eure Jasmin

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