Kleinkind in der Uni // Mein Unialltag

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Dass ich studiere und ein Kind habe passt nicht in die klassischen Mutterbilder unserer Gesellschaft. Die arbeitende Mama auf der einen, die Elternzeit-Mama auf der anderen Seite passe ich in keine der beiden Schemata, weil ich irgendwie beides bin. Ich habe viel Zeit mit meinem Kind, muss aber auch diszipliniert an meinem Fortkommen in der Uni arbeiten. Wie machst du das eigentlich? ist diesbezüglich wohl eine der meist gestellten Fragen. Nun, ich teile mir die Arbeit mit meinem Mann Niklas und nehme Samuel einfach ganz oft mit in die Uni – zu Anfang sogar immer!

Damit ihr euch den Ablauf einer Veranstaltung mit Kind vorstellen könnt, habe ich euch mal mitgenommen:

Es ist 6:30 Uhr. Düdelüdelüdelüdüdüüüüt! Der Wecker klingelt. Mhhh, ich mag nicht. Die Nacht war kurz und anstrengend. Ich drücke die Snooze-Taste und drehe mich wieder um! Na, wenigstens ist Samuel nicht aufgewacht, denke ich und vergrabe mich dabei noch tiefer unter dem Berg von Kissen. Um 7 Uhr – die Snooze-Taste weitere drei Male betätigt – schiebe ich meinen Körper ächzend aus dem Bett. Höchste Eisenbahn! Ich versuche mich aus dem Schlafzimmer ins Bad zu schleichen, ohne dass Samuel wach wird. Määäh! , ertönt es. Na super! Ich hetze zurück ins Schlafzimmer, stille Samuel und locke ihn dann mit ins Bad. Dort gebe ich ihm meine Haarbürste. Gut, so sollte er vier Minuten beschäftigt sein! Ich dusche in Windeseile, vor dem Duschvorhang quakt es. Klar, Samuel will auch in die Wanne. Keine Zeit! murmle ich, steige auf den Duschvorleger und wickle mich in mein Handtuch. Ab in die Küche. Mit den noch nassen Füßen verteile ich kleine Pfützen im Flur und vor dem Kühlschrank. Im Vorbeigehen betätige ich den Wasserkocher und hole einen Teller aus dem Schrank. Ich schmiere Samuel ein Brot mit Leberwurst und mir eins mit Frischkäse. Maaaaaann dauert das heute lange. Ich flitze ins Schlafzimmer, hole meine Kleidung und ziehe mich im Flur an. Immer wieder schiele ich in die Küche, ob Samuel auch richtig isst. Scheint zu schmecken! Bingo! Ich verfluche die Snooze-Funktion meines Weckers und nehme für den nächsten Tag vor, sofort beim ersten Klingeln aufzustehen und gemeinsam mit Samuel zu frühstücken. In 50% der Fälle klappt das. Die anderen 50% essen wir auf dem Weg zur Uni (ich im Gehen, Samuel im Wagen) oder so wie jetzt eben.

7:45 Uhr. Mist, in 15 Minuten beginnt mein Seminar. Hektisch suche ich all meine Unterlagen zusammen – wieder die Ermahnung an mich, beim nächsten Mal doch einfach abends zu packen! – und Samuels warmen Wollwalkanzug, ein Buch, ein Auto, eine Mütze, Schnulli, Trinkflasche mit Tee und eine Banane (Notfallration – hat mich schon oft gerettet!). Fertig. 7:53 Uhr. Wir kommen zu spät. Ich versuche ruhig zu bleiben, denn ändern kann ich jetzt sowieso nichts und wenn ich mich stressen lasse, bekomme ich schlechte Laune! Zügigen Schrittes eile ich also in die Uni.

Um 8:07 Uhr komme ich völlig außer Atem in der Uni an. Ich schiebe den Wagen so leise wie möglich in den Raum, vorne läuft ein Vortrag von meinen Kommilitonen. Ein entschuldigender Blick huscht zur Dozentin, sie lächelt zurück! Puh! Leise ziehe ich mich und Samuel aus, setze mich auf einen freien Platz und Samuel neben mich.

Samuel ist noch sehr ruhig. Er muss erstmal ankommen und lauscht den fremden Stimmen. Nach zehn Minuten merke ich, dass er unruhig wird. Ich biete ihm sein Bilderbuch an. Sein Gesichtchen strahlt und er blättert darin, sucht sich seine Lieblingsseite und betrachtet sie. Ich folge dem Vortrag. Da! ruft Samuel begeistert – der ganze Saal lacht. Alle finden Samuel süß. Ich sage leise  ja, ein Teddy und wende mich wieder dem Vortrag zu. Nach einer Weile will Samuel aufstehen. Ich lasse ihn. Die Erfahrung hat gezeigt, dass er leiser ist, wenn er rumkrabbeln oder rumlaufen kann und ich ihn nicht auf dem Schoß behalte. Die nächsten zehn Minuten wackelt ein kleiner Windelpo durch den Raum, guckt in die Taschen der Studenten und läuft zum Fenster. Alles ganz entspannt, solange ich es bin. Meine Kommilitonen und die Dozentin lassen sich nicht beirren und machen alles wie sonst auch – bis auf ein paar kleine Lacher wenn Samuel irgendwas witziges oder süßes macht.

Zwischendurch, wenn die Zeit es zulässt, macht die Dozentin auch kurz Pause, spricht Samuel an, er brabbelt etwas zurück, grinst frech und alle anderen lachen beherzt. Ich habe eigentlich selten das Gefühl, dass mein Kind stört oder völlig fehl am Platz ist. Wenn wir etwas in Kleingruppen besprechen sollen, nimmt meine Dozentin Samuel auch gerne zur Seite und spielt solange mit ihm. Ich glaube, sie freut sich jedes Mal darüber.

Irgendwann kommt Samuel zurück zu meinem Platz und möchte etwas essen. Wie gut, dass ich die Banane dabei habe. Er setzt sich brav auf seinen Stuhl und mampft fröhlich die Banane. Zwischendurch grinst er immer wieder verschmitzt in die Runde. Essen klappt bei Samuel fast immer. Wenn ich merke, dass er laut wird, biete ich ihm einfach etwas an und er mampft dann Brötchen, Käsebrot oder Obst. Da er das alles ganz allein kann, kann ich mich in Ruhe konzentrieren und er ist glücklich.
Nach dem kleinen Snack greift Samuel nach meinem Mäppchen. Ich gebe ihm ein paar Stifte und ein leeres Blatt Papier. Wieder habe ich ganz easy eine neue Beschäftigung für ihn gefunden, eine die keinen Lärm macht und bei der er glücklich ist. Er kritzelt viele bunte Striche aufs Papier, ein paar gehen auch daneben. Macht aber nichts, dann mache ich den Tisch eben später wieder sauber.

Fast haben wir es geschafft. Ich konnte mich sogar ein paar Mal melden und einen mündlichen Beitrag leisten. Mittlerweile mache ich das sogar häufiger als früher, vielleicht weil ich zeigen möchte, dass ich trotz Samuel aufmerksam bin und den Vortrag verfolge. Endspurt! Samuel darf nochmal aufstehen und ich gebe ihm sein Auto. Er peest durch den Raum und macht Qietschlaute – ein Ausdruck seiner Zufriedenheit. Zwischendurch können wir alle ein lautes brrrrrrrmmmm aus der hinteren Ecke vernehmen. Autogeräusche. Ich lache und gehe zu Samuel, gebe ihm seinen Schnuller und er nuckelt friedlich. Zugegeben, nicht die beste Lösung, aber es sind noch drei Minuten und gleich hat er es geschafft.

Die Dozentin beendet mit einem Ausblick auf die nächste Sitzung ihren Vortrag, lächelt Samuel an und sagt, dass er gerne wiederkommen darf. Ich bin jedes Mal aufs neue überrascht, wenn ich eine solche Rückmeldung bekomme und freu mich, dass Samuel ein gern gesehener Gast ist.
Fürs erste haben wir es geschafft, nun hat Samuel sich aber erstmal eine ordentliche Pause verdient und wir essen gemeinsam zu Mittag, er macht ein Schläfchen und wir toben uns richtig auf dem Spielplatz aus. Später am Nachmittag besuche ich nochmal eine Veranstaltung mit ihm, außer Niklas ist verfügbar, dann bleibt Samuel meistens bei ihm.

Für mich gehört es von Anfang an dazu, Samuel in meinen Unialltag einzubinden und ihn mitzunehmen. So konnte er ganz gemütlich in diese Situation hineinwachsen und ist wirklich ein sehr ausgeglichenes zufriedenes kleines Kerlchen. Natürlich braucht er Bewegung und möchte auch mal laut sein, aber diesen Drang hat er nicht, wenn er zusammen mit mir im Seminar sitzt – es scheint fast, als wüsste er, dass dort Ruhe wichtig ist. Wenn ich ihn dabei habe, versuche ich immer möglichst nicht gestresst zu sein und ihn einfach machen zu lassen, natürlich nur solange es die anderen nicht stört. Meistens klappt das hervorragend und alles ist super entspannt. Natürlich gibt es auch Tage, an welchen ich sehr viele Veranstaltungen hintereinander habe – da vermeide ich es, Samuel mitzunehmen und wir organisieren uns so, dass Niklas auf den kleinen Racker aufpasst.

Wenn ihr selbst studiert und ein Kind habt, könnt ihr übrigens hier meine Tipps für ein erfolgreiches Semester nachlesen!

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Alles Liebe,
Jasmin

 

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