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“Bedürfnisorientierte Erziehung funktioniert nur bei einem Kind, bei zweien oder mehreren wird es schwer.” “Also bei meinem Kind funktioniert das nicht, da komme ich einfach an eine Grenze.”

– So oder so ähnlich lese ich immer wieder Kommentare.
 
Ja, attachment parenting bringt dich an deine Grenzen. Das muss es auch, erstmal, denn wie willst du deinem Kind vermitteln, wo deine Grenzen sind, wenn du sie selbst nicht kennst?
Keiner hat gesagt, dass attachment parenting leicht ist – ich bin sogar der Meinung, dass es harte Arbeit ist, ständig alle Bedürfnisse zumindest im Blick zu haben und diese bestmöglich zu befriedigen. Dass es verdammt anstrengend sein kann, nicht alles nach Schema F zu machen, sondern situationsbedingt zu schauen, was heute für meine Familie am besten passt und umsetzbar ist. Es wäre so viel leichter, einfach meine Machtposition auszunutzen und zu sagen, dass etwas jetzt SO gemacht wird, wie ich es möchte (einfach weil ich es kann! Denn ich bin nunmal stärker!).
AP ist ein ständiges abwägen, hinsehen, reinfühlen. Ein Miteinander. Nicht mehr und nicht weniger. Das allerschwerste an bedürfnisorientierter Erziehung ist für mich, alte Muster zu durchbrechen. Das erfordert extrem viel Geduld, extrem viel Arbeit und ist furchtbar niederschmetternd manchmal. 
 

Bedürfisorientierte Elternschaft und ihre Grenzen

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Auch bei zwei oder noch mehr Kindern ist bindungsorientierte Elternschaft möglich. Ich behaupte, ganz egal, wie die Familienkonstellation ist, AP funktioniert. Warum es plötzlich nicht mehr klappen sollte, seinem Kind liebevoll und wertschätzend zu begegnen, warum es nicht funktionieren soll, Bedürfnisse zu erfüllen, erschließt sich mir nicht. Selbstverständlich ist es schwieriger, die Bedürfnisse von fünf Personen unter einen Hut zu bekommen, als die von dreien – vor allem, je unterschiedlicher die Persönlichkeiten sind. Das heißt doch aber nur, dass es komplexer wird, nicht, dass es unmöglich ist. Und natürlich ist es auch nicht möglich, alle Bedürfnisse gleichzeitig zu erfüllen. Aber es geht auch nicht darum, die Bedürfnisse aller schnellstmöglich zu stillen, sondern sie bestmöglich. Das heißt auch, dass der große Bruder vielleicht mal warten muss, weil das Baby gestillt wird (der große Bruder möchte vielleicht “nur” Aufmerksamkeit, der Säugling stillt ein Grundbedürfnis – Nahrungsaufnahme). Umgekehrt, wenn das Baby kurz knötert, weil es vielleicht etwasblld liegt, sich das große Geschwisterkind weh getan hat, kümmere ich mich wohl erst um das Erstgeborene. Will heißen: bei mehreren Kindern geht es vor allem darum, ganzheitlich zu schauen, welches Bedürfnis gerade am dringendsten erfüllt werden muss und welches warten kann. 
 
Vielleicht sagst du nun “Ja, aber mein Kind braucht Regeln, sonst tanzt es mir auf der Nase herum!” “Wie soll mein Kind denn ohne Konsequenzen verstehen, dass es manche Dinge nicht darf?”
Nun, überall wo die Sicherheit deines Kindes gefährdet ist, musst du selbstverständlich unmittelbar eingreifen. Ein Kind muss beispielsweise im Straßenverkehr einen Helm tragen. Wenn es das nicht will, gibt es meiner Meinung nach nur wenig Handlungsspielraum. Entweder es läuft, oder es trägt den Helm und du begleitest seine Gefühle – oder es stört vielleicht etwas am Helm und ein anderes Modell ist die Lösung? Hinschauen!
Überall sonst gilt es, eine Balance zu finden, mit der DU und deine Familie sich wohl fühlen. Schafft Regeln, die sinnvoll für euch sind, nicht weil die Nachbarn sie euch aufzwingen. AP heißt nämlich nicht, dass es keine Regeln gibt – die gibt es. Unsere Regeln sind gut durchdacht, wir haben alle hinterfragt und sie für UNSERE Familie als wichtig erachtet. Das heißt nicht, dass sie für deine Familie passen müssen. AP heißt auch nicht (mehr), dass nur die Bedürfnisse des Kindes wichtig sind. Sondern die aller Familienmitglieder – eine ganzheitliche Betrachtung aller ist also extrem wichtig und auch nur das ist letztlich zielführend, wenn man einen ausgeglichenen Alltag leben möchte.
Und ganz wichtig: hast du trotz aller und sorgfältiger Bemühungen das Gefühl, dass du es nicht schaffst, hilft vielleicht manchmal ein Austausch mit anderen Eltern. Wir sitzen nämlich alle im selben Boot und haben die selben Probleme. Auch in Familien, die bedürfnisorientiert leben, kann es Probleme geben.
 

Attachment Parenting als Patentrezept?

 
Tja, und dann kann es sein, dass trotz deiner Bemühungen die Bedürfnisse aller zu sehen, zu erkennen und zu erfüllen am Ende kein zufriedenes, gesundes, freundliches, unerschrockenes, aufmerksames, kooperatives Baby oder Kleinkind vor dir steht. Attachment parenting ist letztlich keine Anleitung für ein entspanntes Familienleben, in dem es nie Tränen, nie Wutanfälle gibt. Es ist lediglich eine Haltung, wie du mit solchen Dingen umgehst – nämlich in dem du mit deinem Kind in Beziehung trittst. Es begleitest. Da bist. Es SIEHST. Ein Kind, das von Grund auf sehr impulsiv, sehr gefühlsstark ist, wird nicht durch AP plötzlich das liebe Lämmchen von nebenan sein. Denn starke Emotionen gehören zu seinem Wesen. Du als Elternteil kannst dein Kind nur dabei begleiten, besser mit den Gefühlen umzugehen und dich selbst stark machen, um in solchen Situationen einen kühlen Kopf zu bewahren. Ich habe mir beispielsweise einige Strategien zurechtgelegt, die ich anwende, damit ich mein Kind nicht mehr anschreie. Denn ja, verdammt, auch ich bin manchmal stinkwütend. Aber ich weiß, dass mein Kind es nicht verdient hat, diese Wut abzubekommen.
 
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Kinder sind gut

Und noch etwas ist enorm wichtig: Kinder sind nicht böse. So oft lese ich “Mein Kind macht das extra!” oder  “Es haut mich absichtlich!”. Ja, Kinder reagieren mitunter sehr extrem. Dieser Reaktion liegt aber immer ein Bedürfnis zugrunde. Es kann helfen, sich klar zu machen, dass Kinder niemals etwas GEGEN eine andre Person tun, sondern stets FÜR sich handeln. Sie sind egoistisch und stellen ihre Bedürfnisse in der Prioritätenliste nach ganz oben – und versuchen, sich diese zu erfüllen. Das kann auch mal rabiate Handlungsweisen auslösen. Wichtig ist es auch hier, hinzusehen – und zwar ganz genau – und dann zu handeln.
 
Letztlich muss jede Familie für sich herausfinden, was am Ende gut für sie funktioniert. Ein liebevoller, wertschätzender Umgang miteinander ist meines Erachtens nach die Grundlage für eine gesunde Familie und das soll bedürfnisorientierte Elternschaft vermitteln. Für mich ist AP längst keine Welle mehr, keine exotische Erziehungsmethode, sondern eine für mich völlig natürliche Art, mit Menschen umzugehen, die ich liebe. Es ist für mich Geborgenheit, Nähe, Liebe, Bedürfnisse wahrnehmen und respektieren (auch meine eigenen!), emotional zu sein, sich zu stützen, zu respektieren, frei zu sein. Jeder darf sein was er ist, eingerahmt in unser aller Zusammenleben.
 
Alles Liebe,
Jasmin