Autonomiephase >> Warum unsere Kinder auch mal wütend werden dürfen.

Die Autonomiephase. Ich will aber! Wer kennt es nicht? Das Kind steckt plötzlich in einer Phase, die für uns Mamas anfänglich oft nur schwer zu ertragen ist. Die Kleinen sind wütend, schreien, werfen sich auf den Boden, stampfen mit dem Fuß. Nicht selten überkommt mich der Wille, einfach zu gehen, weil ich mein Kind so gar nicht kenne. Oder aber ich will es schütteln und ihm sagen Jetzt reiß’ dich zusammen. Mache ich aber nicht. Nein, es ist völlig in Ordnung, dass mein Kind so reagiert, denn es lernt, mit seinen Gefühlen umzugehen.
Meist beginnt diese Phase im zweiten Lebensjahr, nämlich dann, wenn unsere Schützlinge beginnen, sich allmählich von ihren engsten Bezugspersonen zu lösen: ihren Eltern.

Bei Samuel bemerkten wir diese Veränderung während unseres Thailandaufenthaltes im Sommer. Da war er gerade ein Jahr alt und immer häufiger mit sich unzufrieden. Oder mit uns. Wir bemerkten: unser Sohn hat plötzlich einen eigenen Willen (vielleicht hatte er den auch vorher, nur wusste er wahrscheinlich da nicht, wie er uns zeigen soll, was er möchte).
Wenn Samuel etwas haben wollte und wir es ihm nicht gaben, endete das oft in Tränen. Manchmal haute er seinen Kopf vor lauter Wut auf den Boden. Da zog sich in mir alles zusammen und ich fragte mich oft, ob ich unter diesen Umständen wirklich konsequent bleiben kann und möchte. Manchmal wurde Samuel auch einfach wütend, weil etwas nicht so klappte, wie er es gerne hätte. Er kam an seine persönlichen (motorischen) Grenzen und der Deckel wollte beispielsweise einfach nicht auf der doofen Flasche halten. Die Konsequenz war lautes und empörtes Weinen.

Ich habe mich anfänglich sehr gewundert – Samuel war doch gerade erst ein Jahr alt, als diese trotzige Zeit begann. Zugegeben, ich habe mich diesbezüglich nicht informiert (wozu auch, die Trotzphase kommt so oder so – muss ich da wissen, wann?) aber ich habe wohl nicht so früh damit gerechnet. Ganz schön überrumpelt fühlte ich mich. Und überfordert. Aber wenn wir Eltern angemessen auf unser Kind reagieren und lernen es so zu akzeptieren wie es ist, können wir die Anzahl der Wutanfälle, die unser Kind hat, verringern.

In diesem Alter brauchen Kinder Eltern, die sie wertschätzen und anleiten. Je mehr die Eltern versuchen, einzugreifen und Grenzen zu setzen, desto mehr Machtkämpfe wird es geben. (Jesper Juul)

Mit Frust umgehen.

Ich gebe zu, oft selbst an meine Grenzen zu kommen, vor allem wenn ein Wutanfall dem anderen folgt. Manchmal gibt es solche Tage und dann würde ich mich selbst am liebsten im Bett verkriechen. Dann zweifle ich an meinen Fähigkeiten als gute Mutter und stelle all mein Handeln und Tun in Frage. Aber die Erfahrung zeigt, Pausen machen hilft. Manchmal ist es sehr schwierig, nah und unterstützend zu sein, wenn Samuel so intensive Emotionen zeigt. Aber anstatt mich selbst darüber zu ärgern, wie schwierig gerade alles ist, versuche ich zwischen den Wutanfällen Abstand zu nehmen, ziehe mich kurz zurück – manchmal lese ich ein oder zwei Seiten Harry Potter –  und schaue dann in regelmäßigen Abständen nach Samuel. Natürlich achte ich darauf, dass Samuel sich nicht weh tun kann, wenn ich den Raum verlasse und begebe mich immer nur so weit weg, dass ich im Raum nebenan bin – im Zweifel immer direkt zur Stelle. Ich sage mir dann immer wieder, dass er etwas Zeit braucht, um seine Gefühle auszudrücken und seine Grenzen zu kennen und zu akzeptieren. Es ist alles eine Phase. Das ewige Mantra der Mütter. Ja, auch ich nutze es regelmäßig. Hier habe ich schon einmal darüber geschrieben, was mir konkret in schwierigen Situationen hilft.

Gründe für Trotzanfälle.

Diese Phase ist entscheidend für das Kind, um neue Fertigkeiten, Selbstvertrauen und Selbstwertgefühl zu entwickeln. Sie ist auch wichtig für die Herausbildung des Charakters und die Qualität der Beziehung zwischen Eltern und Kind. Betrachten Sie die wachsende Unabhängigkeit Ihres Kindes als Geschenk – nicht als Problem. (Jesper Juul)

Jedes Kind durchläuft, so schreibt Juul, in seiner Entwicklung einen Prozess, in dem es sein eigenes Ich entwickelt und sich in seiner Persönlichkeit und seiner Willensstärke erprobt: die Autonomiephase. Während dieses Reifeprozesses lernt es täglich neue Dinge und stößt an seine motorischen, emotionalen und vor allem meist sprachlichen Grenzen. Später passiert dies in ähnlicher Form nochmals, nämlich dann, wenn das Kind in die Pubertät kommt. Die ich-Bezogenheit des Kindes steht diesem an dieser Stelle meist im Weg. Es versteht nicht, weshalb es etwas nicht haben darf oder jenes nicht tun soll. Frust macht sich breit. Warum kann ich das nicht? Warum versteht mich keiner? Ich bin traurig.

Die Folgen sind dann oft schreien, auf den Boden werfen, um sich schlagen, Dinge werfen und viele dicke Krokodilstränen. So auch bei unserem Samuel. Er kann sich oft noch nicht ausdrücken und ich stehe dann mit fragendem Gesicht vor ihm und versuche verzweifelt sein für mich unverständliches Gestikulieren zu deuten. Nicht selten bekam ich wütend einen willkürlichen Schlag ins Gesicht oder er zog mir an den Haaren, weil er seine Emotionen nicht anders kanalisieren konnte. Schade Schokolade. Aber ich bin sicher, es wird bald besser.

Wie vermeide ich Trotzanfälle?

1. Beobachten. Kleinkinder haben einen sehr begrenzten Wortschatz. Oft scheitert es an eben dieser Tatsache. Diese kleinen Wesen können nicht sagen, was falsch ist, oder was sie sich gerade wünschen. Wir Eltern können mehr lernen, indem wir das Verhalten unserer Kinder erst einmal beobachten, anstatt zu versuchen, direkt zu kommunizieren. Wenn ich Samuel zum Beispiel beim Spielen beobachte, lerne ich, was  ihn interessiert, was ihm wichtig ist, welche Situationen für ihn schwer sind und wie er diese Schwierigkeiten erfolgreich meistern kann. Dann kann ich anhand dieser Beobachtungen oft viel angemessener reagieren und ihm mehr Verständnis entgegen bringen.

2. Wahlmöglichkeit statt Entscheidungsfreiheit. Kleinkinder brauchen die Möglichkeit, Entscheidungen treffen zu dürfen. Indem wir Eltern ihnen Wahlmöglichkeiten bieten und auf ihre Wünsche hören, erfahren sie ein Gefühl der persönlichen Macht und des Einflusses.

Kinder weigern sich oft, das zu tun, was ihre Eltern sich wünschen, oder von ihnen verlangen – sei es die Zähne zu putzen, sich anzuziehen, aufzuräumen, oder Hausaufgaben zu machen. Begegnet man ihrem Nein mit Kritik, Überredungsversuchen, Motivation, Druck, Drohungen oder Versprechungen, kommt es oft zu festgefahrenen Situationen, in denen beide ihre Würde verlieren. Begnügt man sich jedoch damit, seinen Wunsch zu wiederholen, um sich anschließend zu entfernen (oft nur für wenige Minuten), gibt man dem Kind Gelegenheit, seinen Unwillen zur Zusammenarbeit zu überdenken. Es erhält damit, unter Wahrung der persönlichen Integrität Ja zu sagen, statt einfach zu gehorchen oder sich bedrückt zu fühlen. (Jesper Juul)

Neulich nahm ich in einem Café folgende Situation wahr: Eine Mutter war mit ihrer Tochter nachmittags dort eingekehrt und fragte sie, was sie trinken wolle. Die Tochter antwortete “Kakao”, worauf die Mutter schnippisch antwortete, dass es jetzt keinen Kakao gäbe. Sie könne ja stattdessen Wasser oder Saft trinken. Natürlich war das Kind darüber sehr verärgert und reagierte trotzig. Ich habe ein bisschen darüber nachgedacht. Hätte die Mutter einfach direkt gefragt: “Möchtest du Wasser oder Saft?”, anstatt eine offene Frage zu stellen (Was möchtest du trinken?), hätte dieser Wutanfall womöglich vermieden werden können. Durch die Beschränkung der Wahl, wäre die Tochter vielleicht gar nicht auf die Idee gekommen, Kakao trinken zu wollen.
Bei Samuel klappt das natürlich bislang nur bedingt, da er sich nicht mit Worten äußern kann. Aber er versteht unheimlich viel. So ziehe ich ihn mittlerweile nicht mehr einfach an, wenn ich raus gehen möchte, sondern ich frage ihn: “Sollen wir nach draußen gehen oder möchtest du ein Buch lesen?” und meistens läuft er dann zur Tür. Dann weiß ich, ich kann ihn jetzt problemlos ohne Wutanfall anziehen. Bringt er mir ein Buch, stelle ich die selbe Frage nach fünf Minuten nochmal, nachdem wir uns das Buch zusammen angesehen haben natürlich.

  1. Lasst euch Zeit. Dieser Punkt klang schon im zweiten Punkt an. Etwas mehr Zeit nimmt oft den Stress aus den Segeln. Denn Stress führt oft zu Unausgeglichenheit und die Hektik überträgt sich auf alle Beteiligten. Oft kann ein Wutanfall vermieden werden, wenn man für bestimmte Dinge etwas mehr Zeit einplant und niemand gezwungen wird jetzt sofort etwas zu tun. Samuel mag es beispielsweise gar nicht, wenn ich jetzt sofort seine Windel wechseln will, weil wir fünf Minuten später los zu einem Termin müssen. Deshalb plane ich nun mehr Zeit ein und wir machen das ganze spielerisch – und ohne Wutanfall.
  2. Klarheit aber auch Kompromisse. Grenzen sind wichtig, aber es gibt auch Momente, in welchen es vernünftig ist, zu verhandeln. Slow parenting heißt für mich hier das Stichwort.  (Ich habe hier schon mal kurz angerissen, wie wir das nun handhaben). Kompromissbereitschaft ermöglicht es uns, unsere Energie für die wichtigen Fragen zu behalten und flexibler über die kleinen Dinge hinweg zu sehen.

Wie reagiere ich auf einen Wutanfall?

Ich habe eine Weile gebraucht, um herauszufinden, welche Methode wann bei Samuel am effektivsten ist. Es kann also durchaus sein, dass ihr eine Weile herumexperimentieren müsst, um euren Weg zu finden. Schließlich ist jedes Kind und jede Familie verschieden – so hat auch jeder seine eigene Art, mit den Dingen umzugehen. Wichtig ist, dass ihr mit eurer Lösung am Ende glücklich seid. Es gilt also, eine Antwort zu finden, die am besten für dich und dein Kind funktioniert.

Akzeptiere, dass dein Kind weint. Es ist nicht unsere Aufgabe, dem Frust ein Ende zu bereiten. Ja es tut weh, wenn das eigene Kind weint. Ich kann Samuel selbst nur ganz schwer weinen sehen, vor allem wenn da dicke Krokodilstränen die Wangen herunter kullern – und gerade jetzt wo ich schwanger bin, fällt es mir besonders schwer. Stattdessen sollten wir uns bewusst sein, dass Hör auf zu weinen! unsere Kinder eher lehrt, dass ihre Gefühle inakzeptabel oder beängstigend sind. Letztlich bringt es unsere Schützlinge nicht weiter, wenn wir versuchen mit solchen Aussagen den Wutanfall zu stoppen. Stattdessen können Eltern den Kindern helfen, eine geeignete Möglichkeit zu finden, die Gefühle auszudrücken. Weil unser Samuel noch so klein ist, nehme ich ihn beispielsweise ganz oft einfach in den Arm (wenn er das zulässt) und erkläre ihm, dass ich verstehen kann, dass die Situation gerade frustrierend ist und dass es okay ist, wenn er wütend ist. Wenn er sich dann beruhigt hat, erkläre ich ihm die Situation nochmal kurz. Beispielsweise sage ich dann: “Ich kann verstehen, dass du wütend bist, weil du die Banane jetzt nicht bekommst. Aber wir können in die Küche gehen und ich mache dir Abendbrot.” Samuel soll dadurch lernen, dass ich seine Gefühle akzeptiere und ich ihn und seine Meinung wertschätze.

Betrachten Sie die wachsende Unabhängigkeit Ihres Kindes als Geschenk – nicht als Problem. (…) In der “Trotzphase” wie in der Pubertät sollte die Botschaft der Eltern sein: “Du bist okay, so wie du bist, und wir lieben dich.” (Jesper Juul)

Nimm dein Kind wahr. Kinder tun oft Dinge, um Aufmerksamkeit zu erregen. Oder sie erhoffen sich jemanden, der ihre Frustration wahrnimmt. Manchmal hilft körperliche Nähe, wie eine kleine liebe Umarmung oder man signalisiert mit Worten, dass man das Kind wahrnimmt. Auch wenn dein Kind weiterhin weint, hilft oft zuhören. Ich setze mich neben Samuel, wenn er wütend ist und signalisiere ihm, dass ich da bin. Dann rede ich in einem sanften Ton mit ihm, versuche ganz ruhig zu bleiben und keine hektischen Bewegungen zu machen, da ich nicht zusätzlich Unruhe in die Situation bringen will.

Sicherheit. Kinder können ihre Wut und Frustration nicht kontrollieren, weshalb sie sich oft in Gefahr begeben. Sie schlagen um sich, hauen den Kopf gegen harte Gegenstände, werfen um sich oder versuchen, sich selbst oder euch zu verletzen. Dann müssen wir Eltern eingreifen, um Sicherheit zu gewährleisten. Möglicherweise müssen wir sogar körperlich werden und das zornige Kind festhalten, sicher und sanft, aber fest genug, um uns und das Kind in Sicherheit zu wissen. Wichtig ist uns auch, dass Samuel ganz klar lernt, dass er andere nicht angreifen darf, egal wie wütend er ist. Schlagen, beißen, Haare ziehen wird mit einem Platzverweis geahndet – das heißt, dass ich Samuel bewusst von mir weg setze, oft reicht ein Meter, damit er aufhört. Dabei versuchen wir ihm in ruhigem Ton zu erklären, dass er das nicht darf.

Mittlerweile versuchen Niklas und ich in vereinfachter Form mit Samuel über seine – aber auch unsere -Emotionen zu sprechen. Jesper Juul schreibt, es sei wichtig, dass das Kind seine Eltern als emotional authentisch wahrnimmt, denn nur so lernt es die Gefühle anderer zu deuten. Dabei sollten wir aber nicht vergessen, im Anschluss mit dem Kind darüber sprechen, warum es zu unseren Emotionen kam.
Wir als Eltern benennen deshalb unsere Gefühle und versuchen Worte für Samuels Gefühle zu finden, die er versteht. Mama ist traurig, sage ich, wenn ich gerade weine. Ich verstehe, dass du wütend bist, sagt Niklas, wenn Samuel etwas vor Wut in die Ecke pfeffert. Lehrt euren Kindern Worte für ihre Emotionen und erklärt ihnen alles – sie verstehen oft mehr als wir denken. Wutanfälle sind eine Gelegenheit, unsere Kinder zu lehren, wie man mit schwierigen Gefühlen umgehen kann. Und noch etwas: haltet durch. Wenn euer Wutbub (oder Wutmädchen) ungefähr drei Jahre alt ist, sollte es besser werden. Kinder sind dann in der Regel so weit entwickelt, dass sie ihre Gefühle einigermaßen gut kommunizieren können. Es folgen dann Worte, statt Wutanfällen. Bis… ja bis die Pubertät folgt. Aber bis dahin vergeht (hoffentlich) noch eine Menge Zeit.

Habt ihr vielleicht noch Tipps, wie wir besser mit unseren kleinen trotzigen Knirpsen umgehen können? Was hilft bei euch?

Alles Liebe,
eure Jasmin

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